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Kommentar zu Meine Entschuldigung von Sauron

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Sehr gut, Dr.Mayer, Eins, setzen!

Von Sauron (dem echten), 06.01 2003, 17:02:54

Wußt´ ich doch, Sie können das, hätten mich auch schwer enttäuscht, wenn nicht.

Und weil ich Sie und Ihre Originalität so schätze, veröffentliche hier gerne noch eine Rezension zu Ihrem wirklich guten Buch:

»Ohne Zweifel ein wichtiges Buch, abgesehen von der enormen Fleißarbeit, weil es in der Tat einen unverzichtbaren Baustein in das Puzzlebild DDR einfügt, der lange vernachlässigt, vielleicht trifft es sogar der Begriff "verdrängt wurde« viel besser.

Denn natürlich gab es das in der DDR, und nicht zu knapp, eine antikommunistische Grundhaltung, die in entschiedener und kompromißloser Opposition zur DDR und der Gesellschaftsidee, die dahinterstand, aber nie erfüllt wurde, stand, aus der heraus sich massenhafter Widerstand gegen die DDR, gegen jede Form »linker« Ideologie formierte und mit der die Nomenklatura deshalb so große Probleme hatte, weil derartiger Widerstand in ihrem Denken gar nicht vorkam und folgerichtig immer ausschließlich dem Wirken westlicher Geheimdiensten in die Schuhe geschoben wurde.

Genau hier liegt der erhebliche Mangel, den ich gegenüber diesem Buch für mich feststelle, denn Dr.Wolfgang Mayer offenbart darin eine manifeste antikommunistische Grundhaltung, die für sich genommen, fern jedweder Kritikwürdigkeit ist, sobald sie aber als Erkenntnis- und Reflexionshintergrund für DDR-Geschichte wie Geschichte allgemein dient, geradewegs in die Arme der Einseitigkeit und Subjektivität steuert, was sich vor allem auch in der Sprache Dr.Wolfgang Mayers zeigt, die einen wissenschaftlich distanzierten Tonfall mitunter mehr als vermissen läßt und sich stattdessen Formulierungen bedient, die die persönliche Betroffenheit, den Haß des Autors auf alles was mit DDR im Zusammenhang stand und steht mehr als offenkundig werden läßt und oft persönlicher Wertung als Beweismittel den Vorrang vor wissenschaftlich seriöser Beweisführung gibt.

In Anbetracht des Lebensweges von Dr.Wolfgang Mayer ist das ein Umstand, der nur unbedarfte Zeitgenossen überraschen wird oder den man ihm ernsthaft zum Vorwurf machen könnte, würde es sich hier nicht um eine wissenschaftliche Arbeit handeln.

Völlig unbeachtet lasse ich in diesem Zusammenhang die Tatsache, daß Dr.Wolfgang Mayer bekennt, daß ihn »in erster Linie« Prof.Dr. Hans-Helmuth Knütter zu dieser Promotion »inspirierte«. Prof.Knütter ist ein Thema für sich, die Verkettung mit ihm und den Beweggründen Dr.Mayers für dieses Buch hat mir indes böse Vorahnungen mit auf den Weg der Lektüre durch das Buch gegeben, die sich leider nicht ausräumen ließen.

Dr.Wolfgang Mayer erhebt auf Seite 16 den gewaltigen Anspruch:

»Mit vorliegender Dissertationsschrift soll nicht nur der gravierende Einfluß der Ausreisebewegung auf den Untergang des SED-Regimes nachgewiesen werden, sondern auch, daß Wertungen, wie sie in zahlreichen Darstellungen prominenter Politiker, Bürgerrechtler, aber auch Politikwissenschaftler erscheinen, Fehleinschätzungen unterliegen und daher allenfalls als Beiträge zur Geschichtsklitterung oder gar -fälschung "dienen« können. Ob unbewußt oder bewußt und in welchem Umfang die Geschichtsklitterung erfolgte und erfolgt, bedarf daher weiterer empirischer Untersuchungen."

Gegen wen erhebt Dr.Wolfgang Mayer den nicht gerade unbedeutenden Vorwurf der Geschichtsklitterung? Dazu kann man auf Seite 14 lesen:

»Den Meinungsmachern ist es bisher gelungen, diese Tatsache herunterzuspielen; denn der SED-Staat würde ansonsten in einem noch schlechteren Licht dastehen als es ohnehin der Fall (gewesen) ist. Die Situation in der ehemaligen DDR, die wirtschaftliche Ressourcen verschwendete, sämtliche gesellschaftliche Organisationen gleichschaltete, Eigeninitiativen im privaten Bereich unterdrückte – also die >erhoffte Zivilgesellschaft< völlig stillgelegt hatte – wird immer wieder verklärt mit dem Wirken der sogenannten Bürgerrechtler, die bekanntlich die DDR als Staat behalten respektive einen >Sozialismus mit menschlicherem Antlitz< erreichen wollten (BOHLEY, FUCHS, KLIER, POPPE, TEMPLIN, WOLLENBERGER u.v.a.) und wichtigen Bürger- und Menschenrechten wie dem Recht auf freie Wohnsitzwahl – also bestimmten Inhalten des Helsinki-Abkommens – lange Zeit nicht die entsprechende Bedeutung beimaßen.«

Die »Tatsache«, die Dr.Mayer meint, ist seine Behauptung:

»Die etwa 150.000 Staatssicherheitsleute in den DDR-Provinzen waren zuletzt fast ausschließlich mit dem >Zurückdrängen< des ständig anwachsenden Heeres von Übersiedlungswilligen, insbesondere dem >Zersetzen< und >Liquidieren< von Zusammenschlüssen beschäftigt.«

Abgesehen davon, daß die DDR nicht in Provinzen, sondern in Bezirke gegliedert war, für manche möglicherweise eine Petitesse, für mich in einer wissenschaftlicher Arbeit ein fragwürdiger emotionaler »Fingerzeig« des Autors, zumal sich Dr.Mayer im Buch konsequent an diese Wortwahl hält, ist das quasi »Aberkennen« des Status als Bürgerrechtler für die oben genannten Personen durch Dr.Mayer außerordentlich fragwürdig. Dies inbesondere, weil das temporäre Eintreten der genannten Personen für einen eigenständigen Staat DDR, für einen »Sozialismus mit menschlichem Antlitz« von Dr.Mayer als DER »Ausschlußgrund« hingestellt wird, mal ganz davon abgesehen, daß seine Behauptung schlicht unwahr ist, die genannten Personen hätten nicht von Anfang an auch jene grundlegenden Bürger- und Menschenrechte gefordert, die Dr.Mayer beschreibt.

Regelrecht entlarvend ist die Kategorisierung der genannten Personen durch Dr.Mayer als »linksorientierter Dissidenten«.

Dr.Mayer will mit seinem Buch zwei Thesen beweisen:
  1. die Ausreisebestrebungen aus der DDR hatten ihre Ursache in der Mehrheit nicht im Wunsch nach besseren ökonomischen Lebensverhältnissen, also konsumorientierten Gründen, sondern mehrheitlich im Drang nach Freiheiten, wie Rede- und Meinungsfreiheit,
  2. das Verdienst am Ende der DDR gebührt nicht den »linksorientierten Dissidenten«, den Demonstranten in Leipzig, Dresden, Plauen oder Berlin, sondern den Ausreisewilligen und insbesondere jenen, die mehr oder weniger spektakuläre Wege, wie Botschaftsbesetzungen wählten, die Dr.Mayer als »konsequenteste Form« der Bekundung des Ausreisewollens bezeichnet,

Beide Thesen kann Dr.Mayer für mich nicht überzeugend belegen.

Mit unerhörtem Fleiß legt er beeindruckende und zum Teil vorher unbekannte Fakten zu Ausmaß der Ausreisewellen und zur Repression der Stasi gegenüber den Ausreisewilligen, zur Geschichte und Arbeitsweise von SED und Stasi vor.

Die These, wonach die allermeisten DDR-Bürger eben nicht wegen eines materiell besseren Lebens in den Westen wollten, sondern weil sie beseelt waren vom Drang nach Freiheit, und das war für viele DDR-Bürger ja tatsächlich ein, für viele sogar tatsächlich der entscheidende Ausreisegrund, diese These allerdings können auch diese umfangreichen Fakten nicht hinreichend und schlüssig untermauern.

Geradezu peinlich allerdings wird es im Hinblick auf These 2, denn Dr.Mayer gehört bekanntlich selbst zu ehemaligen Botschaftsbesetzern.

Sich selbst in einer Dissertation als Beweismittel und dann auch noch in einer Kategorie einzuordnen, die er als die »konsequenteste Form« der Bekundung des Ausreisewillens darstellt, das empfinde ich als befremdlich.

Die »konsequenteste Form«, wenn man denn schon eine solche zynische Attributierung wählt, die war doch wohl, das lebensgefährliche Risiko einzugehen, an Mauer oder Grenzzaun erschossen oder von einer Mine zerfetzt zu werden.

Es mag sein, daß Dr.Wolfgang Mayer, seine damalige Aktion als die »konsequenteste Form« betrachtet, mutig war sie in jedem Falle, aber in den Rang eines Beweises kann man das doch wohl nicht erheben, vor allem nicht, wenn damit alle anderen Widerstandsformen in der DDR nachrangig behandelt werden sollen.

Besonders unseriös aber finde ich, daß er Bürgerrechtler wie Bärbel Bohley, Freya Klier oder Vera Wollenberger als »linksorientierte Dissidenten« stigmatisiert, ihnen das Eintreten für eine eigenständige DDR, für einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz vorhält, während er die Tatsache dem Leser vorenthält, daß auch seine eigene Biographie jene für Außenstehende mitunter unerklärlichen Brüche aufweist, die die allermeisten DDR-Biographien auszeichnen.

Der Autor war sich nicht zu schade, einen Aufnahmeantrag für die SED zu stellen, weil er sich so Chancen ausrechnete, als Reisekader bestätigt zu werden. Das haben viele DDR-Bürger gemacht, Zwei-Drittel der SED-Mitglieder waren sogenannte Karrieristen wie man an ihrem schlagartigen Austreten im Herbst 1989 sehen kann, Dr.Wolfgang Mayer befindet sich da also in völlig normaler und, wie ich finde, nur bedingt kritikwürdiger Gesellschaft, doch Dr.Wolfgang Mayer erhebt mit seinem Buch einen moralischen Anspruch, was das Bewerten anderer Biographien, etwa von den genannten Bürgerrechtlern einschließt, dem aber seine eigene Biographie entgegensteht.

Das Buch betrachte ich, wie schon erwähnt, als einen wichtigen Baustein, alleine wegen seiner enormen Fülle an Fakten und Zahlen, indes ist es in meinen Augen ein weiterer Versuch von Dr.Wolfgang Mayer sich zu dem DDR-Widerstandskämpfer zu stilisieren, der er gerne gewesen wäre."

MfG Ihr über alles geliebter Sauron

PS: Bitte, bitte, noch so eine Entschuldigung, ja?! Danke!

PPS: Müssen Sie das inzwischen ganz alleine stemmen? Hilft keiner mehr?

PPPS: Haben die Gefälligkeitsrezensionen inzwischen wenigstens ein bißchen was an Verkaufszahlen eingebracht oder können Sie die Käufer Ihres wirklich guten Buches immer noch so bewundernswert genau lokalisieren wie mich seinerzeit als ich Ihr wirklich gutes Buch in der Parlamentsbuchhandlung käuflich erwarb?



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Kommentare



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